Redebeitrag zum internationalen Frauen* und Queerskampftag am 8. März 2020

Als Clara Zetkin vor über 100 Jahren den ersten internationalen Frauentag in Deutschland initiierte, stand vor allem die Forderung des Frauenwahlrechts im Fokus.

Die auf Europa fixierte Gesellschaft klopft sich heutzutage gerne dafür auf die Schulter, dass man innerhalb dieser 100 Jahre viel erreicht habe.

Aber nur vehementen und unermüdlichen Kämpfen und Protesten von Frauen* ist es zu verdanken, dass Fortschritte erreicht wurden.

Doch ist der Kampf noch lange nicht zu Ende!

Natürlich ist es eine Errungenschaft, dass Frauen* wählen können. Aber noch immer finden die Stimmen von weiblich gelesenen Personen weniger Gehör als die von männlich gelesenen Personen. Das beginnt bei Diskussionen mit Freund*innen in der Kneipe, wo ein deutliches Ungleichgewicht zwischen den Redeanteilen besteht. Es setzt sich fort in Gesetzen und Anmaßungen, die es gebärfähigen Personen absprechen, selbst über ihren Körper bestimmen zu können. Es spiegelt sich in der Tatsache, dass wir überhaupt darüber diskutieren müssen, dass Sex nur konsensual erfolgen darf. Wir könnten an dieser Stelle unzählige weitere Beispiele aufführen.

Uns reicht diese formale Gleichberechtigung, die sich die Gesellschaft auf die Fahne schreibt, bei weitem nicht aus. Denn sie führt nicht dazu, dass sich die gerade beschriebenen Situationen ändern. Wir sind der Meinung, dass für eine demokratische Willensbildung die Stimme jeder Person gleich gehört werden muss. Daran dürfen weder das zugeschriebene Geschlecht, noch die finanziellen Verhältnisse, der Pass, der gesundheitliche Zustand oder sonstige Zuschreibungen etwas ändern. Denn nur unter diesen Voraussetzungen kann man wirklich von einer gemeinschaftlich gestalteten Gesellschaft sprechen.

Eine der zuvor erwähnten Errungenschaften war, dass Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt wurde. Das ist übrigens erst seit 1997 der Fall! Doch auch dieses Gesetz ändert letztlich nichts daran, dass Frauen* weiterhin Gewalt aufgrund ihres Geschlechts ausgesetzt sind.

Im Jahr 2018 wurden allein in Deutschland 122 Frauen durch ihre Partner getötet. Das bedeutet: eine an jedem dritten Tag. Statistisch gesehen wird mehr als ein Mal pro Stunde eine Frau durch ihren Partner gefährlich körperlich verletzt und Trans*frauen werden in dieser Studie nicht einmal mitgezählt. In den Medien ist dann von einer „Familientragödie“ die Rede. Dabei handelt es sich hier um Femizide – Morde an Frauen* und Mädchen* auf Grund ihres Geschlechts.

Auch außerhalb von Partnerschaften sehen sich Frauen* täglich potenzieller und tatsächlicher Gewalt ausgesetzt. Weltweit erlebt jede dritte Frau* in ihrem Leben sexualisierte Gewalt. Diese Statistiken umfassen oft nicht die emotionale und psychische Gewalt in Form von Herabwürdigung, Diffamierung und systematischer Entwertung.

Wir wollen eine Gesellschaft, in der der nächtliche Weg nach Hause für Frauen* kein Spießrutenlauf ist und Trans*frauen nicht um ihr Leben und körperliches Wohlergehen fürchten müssen. Wir wollen eine Gesellschaft, in der Betroffene von sexualisierter Gewalt nicht gefragt werden, wie kurz ihr Rock war oder ob sie Alkohol getrunken haben. Sondern eine Gesellschaft, die auf Solidarität basiert und frei ist von geschlechtsspezifischen Machtverhältnissen.

Und wir sagen darüber hinaus auch allen anderen Formen von Ausgrenzung und Diskriminierung den Kampf an. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass wir Frauen* und Queers nicht alle auf die selbe Art und Weise betroffen sind. Manche von uns müssen sich Tag für Tag über das Patriarchat hinaus auch noch gegen rassistische, abelistische und andere menschenverachtende Strukturen zur Wehr setzen.

Als weitere Errungenschaft wird oft genannt, dass Frauen* inzwischen selbstbestimmt am Arbeitsleben teilhaben können. Doch was zählt überhaupt als Arbeit? Frauen* leisten seit jeher unbezahlte Reproduktionsarbeit, die die Welt zwar in Gang hält, aber nicht als Arbeit gewürdigt wird. Obendrauf ist nun noch die Lohnarbeit gekommen – für die Männer in der Regel immer noch mehr bekommen als Frauen*!

Frauen* verbringen im Schnitt jeden Tag knapp drei Stunden mehr als Männer mit unbezahlter Arbeit. Dazu gehören Haushalt, das Kümmern um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige sowie Vereins- oder Wohltätigkeitsarbeit.

Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der wir die Pflege der Alten und Kranken, das Aufziehen der Kinder und die Hausarbeit auf alle verteilen – ungeachtet des Geschlechts und auch ungeachtet der Herkunft. Wir wollen gemeinsam bestimmen, was wir produzieren – nach unseren Bedürfnissen und nicht nach denen von Profit und Kapital. Eine Gesellschaft, in der Arbeit zielgerichtet und bedürfnisorientiert erfolgt und unabhängig von ihrer Ausprägung anerkannt wird.

Wir wollen den heutigen Abend auch dazu nutzen, um uns mit unseren Mitstreiter*innen auf der ganzen Welt und ihren Kämpfen zu solidarisieren:

Mit den Frauen* und Queers in Chile, die laut und kreativ gegen die ihnen widerfahrene und drohende Gewalt eintreten.

Mit den Frauen* in Argentinien, die für die Selbstbestimmung über ihren Körper und legale Abtreibung auf die Straße gehen.

Mit den Frauen* in Rojava, die täglich an alternativen Gesellschaftsentwürfen arbeiten und diese auch verteidigen!

Mit allen Alleinerziehenden und Pflegenden, denen aufgrund dieser Aufgaben eine Teilnahme an der Demo heute Abend nicht möglich war.

Wir denken an euch!

Und der Kampf geht weiter – gemeinsam!

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